Teilkrankengeld

Nach meiner langen Auszeit vor einigen Jahren bin ich fast nahtlos an meinen Psychiatrieaufenthalt wieder in das Berufsleben eingestiegen. Nach einem Jahr Krankheit und Arbeitsunfähigkeit habe ich mir einen Job gesucht, Teilzeit war nicht möglich, also habe ich direkt mit einer (Gott sei Dank) 38,5 h Wochen begonnen.
Mein erstes Ziel bestand darin, die Probezeit ohne längere Ausfallzeiten zu überstehen. Das funktionierte – es war in der Zeit aber auch das einzige, das funktionierte, weil ich fast alle Energie in die Arbeit steckte und alles dafür tat, um nicht als „Psycho“ abgestempelt ohne Job dazustehen. Meine freie Zeit versackte ich im Chaos und taumelte von Krise zu Krise.

Am Ende der Probezeit hatte ich zwar eine feste Stelle und war unglaublich froh den Sprung in die normale Arbeitswelt geschafft zu haben und hatte durch meine Beschäftigung wieder andere Themen in meinem Leben neben meiner Erkrankung, allerdings ging es mir oft schlecht. Immer wieder fiel ich für längere Zeit bei der Arbeit aus. Ich arbeitete bis zur Erschöpfung, ging einige Wochen in die Klinik, um direkt im Anschluss weiterzuarbeiten bis ich wieder in die Klinik ging. So ging das eine ganze Zeit.

Vor 1,5 Jahren reichte es mir dann. Ich merkte, dass ich mich mehr auf die Therapie konzentrieren muss, dass es keinen Zweck hat mich immer nur so fit zu bekommen, um wieder Leistung erbringen zu können, aber mein Leben drumherum nicht vorwärts kommt. Ich wollte also Therapie eine höhere Priorität einräumen als der Arbeit. Dass das mit meinem damaligen Arbeitspensum nicht vereinbar war, war klar.
Eine längere stationäre Therapie bot sich an, wollte ich aber nicht. Eine lange Krankschreibung ebenfalls, allerdings tat und tut mir meine Arbeit gut und ich fühlte mich nicht völlig arbeitsunfähig, sondern nur eingeschränkt arbeitsfähig.

Ich suchte also nach Alternativen. Eine „Teilkrankschreibung“ müsste her. Soetwas ist im deutschen Gesundheitssystem allerdings nicht vorgesehen. Krank oder gesund! Dazwischen gibt es nichts!

Schlussendlich entschied ich mich für eine Stellenreduktion. Ich rechnete mir aus, wieviel Krankengeld ich bekommen würde und reduzierte meinen Job und damit auch mein Gehalt soweit, dass mein Lohn dem entsprechenden Krankengeld entsprach.
Für mich hieß das, mich finanziell auf ein absolutes Minimum zu beschränken. Weniger war nicht machbar. Das hieß aber auch, dass ich in dieser Zeit unter gar keinen Umständen ins Krankengeld rutschen durfte, denn dann hätte ich noch weniger Geld zum Leben gehabt. Mit diesem Risiko musste ich leben und letztlich war es eine gute Entscheidung für mich persönlich. Ökonomisch sinnvoller wäre allerdings eine dauerhafte Krankschreibung gewesen.Heute bin ich über einen Artikel in der Süddeutschen gestolpert. Es gibt die Überlegung auch in Deutschland die Teilkrankschreibung einzuführen. ( Hier gehts zum Artikel)
Ich finde das eine hervorragende und lange überfällige Idee.
Bitte einführen!

Los gehts

Jetzt wird es ernst:
Es steht die erste Herrausforderung meines Weihnachts-und-Jahreswechsel-Event-Marathons an. Die Weihnachtsfeier.

Ich freue mich wahnsinnig auf die Feier, aber ich weiß auch, dass sie meine Stabilität auf die Probe stellen wird.
Nach langer Zeit heißt es wieder einmal feiern, trinken, tanzen…
Nach vielen Jahren des Rückzugs von der Welt, sind solche sozialen Veranstaltung für mich schwierig. Stundenlange Gespräche, sich in die Gruppe integrieren, enspannt ohne völlig besoffen zu sein, in stickigen Clubs tanzen ohne Panikattacke, die richtige Distanz zu fremden und vertrauten Menschen zu finden. Schwierig….
Der eigentlich problematische Part kommt aber nach der Party auf mich zu:
Kater überstehen und in den Alltag zurückfinden. Das klingt simpel, aber genau solche Unterbrechungen meiner Routinen haben in der Vergangenheit oft Krisen ausgelöst. Eben deshalb, weil ich nicht mehr in meinen Alltag zurückgefunden habe.

Ich merke, dass es gut für mich war dieses Thema bei dem Gespräch in der IV angesprochen zu haben.
Meine Betreuerin dort hatte den Vorschlag, die darauffolgenden Tage gut vorzubereiten, mich für alles zu rüsten.
Also habe ich heute die Bude gemütlich gemacht, das Essen für die nächstern Tage vorbereitet, „Katermedizin“ bereitgestellt, mir Filme zum anschauen herausgesucht und die nächsten Tage mit Plätzchenbacken strukturiert.
Und ich merke, ich bin entspannt und fast freue ich mich auf die Tage nach der Feier mehr, als auf die Feier….

Durchatmen

Ich merke, dass ich so langsam die Hochphase verlasse. Es ging mir jetzt eine ganze Weile sehr gut. Jetzt wird es langsam wieder schwierig. Den Grund kann ich noch nicht so richtig ausmachen.
Vielleicht ist es der Weihnachtsstress, der sich so bemerkbar macht. Auch heute stand wieder Shoppen  auf der Liste: Geschenke und ein Outfit für die Weihnachtsfeiern.
Ich kann überhaupt nicht begreifen, dass viele Menschen es geniessen sich durch übervolle Weihnachtsmärkte und Geschäftszeilen zu drücken, um nach Weihnachtsgeschenken zu suchen.
Ich hasse das. Ich hasse es vorallem, weil ich immer das Gefühl habe, dass mein Geschenk nicht gut ankommen , zu klein, zu lieblos, zu unpassend sein könnte.

Letztendlich bin ich doch nicht losgezogen, sondern habe einen Zuhausetag gemacht. Ich habe gelernt, dass es mir oft nichts bringt, gegen die Energielosigkeit anzukämpfen und der einzige Weg ist, zu akzeptieren, dass der Tag ins Leere laufen wird und zu versuchen, diesen leeren Tag möglichst gemütlich zu verbringen.
Und morgen ist ein neuer Tag, an dem ich Termine und Pläne habe und vielleicht wird mir das helfen wieder in einen aktiveren, geerdeteren Zustand zu kommen.

Ich habe keine Zeit!

Als eine der unangenehmsten Auswirkungen meiner Krankheit empfinde ich die mangelnde Zeit. Viele Nichtbetroffene können das nicht verstehen. Wie du hast keine Zeit? Du hast doch so viel frei….

Natürlich geht auch viel Zeit für Therapie drauf und natürlich muss ich genausoviele unangenehme Dinge im Alltag regeln wie jeder andere Mensch auch.

Aber bei mir gibt es, je nach Phase unterschiedlich lange Zeitspannen die ich nicht nutzen kann. Weder für Freizeit noch für Alltagserledigungen. Zeit in der ich weder arbeite noch entspanne noch irgendwie anders gestalten kann. Einfach Zeit die verstreicht mit inneren Kämpfen, damit Gedanken zu produzieren, zu verwerfen, zu sortieren, mit Ritualen ohne Zweck.
Zeit in der die Welt sich weiterdreht aber mein eigener Mikrokosmos sich stillsteht, sich weder nach vorne, noch nach hinten, noch sonstwohin bewegt sondern einfach im Jetzt verharrt.

Zeit die ich nicht in meinem Kalender eintragen kann, weil sie nicht dann ihren Raum fordert wenn ich es möchte, sondern die ihren eigenen Regeln folgt und in ihrem Umfang von meinem aktuellen Befinden abhängig ist

.

Vielleicht ist es das, was Krankheit ausmacht. Eine Erkältung ebenso wie eine psychische Krankheit oder jede andere Krankheit. Sie fordert Zeit, über die man nicht verfügen kann, die für nichts anderes genutzt werden kann als dafür krank zu sein.

 

Binge Eating, meine Ex-Essstörung

Bulimie und Magersucht, das sind die Essstörungen die jeder kennt, die Begriffe, die immer wieder fallen, wenn es um gestörtes Essverhalten geht.
Was das ist, wusste ich schon als junges Mädchen. Binge Eating, kannte ich nicht. Es ist vielleicht 5,6 Jahre her, dass ich das Wort das erste Mal gehört habe.
Seitdem hat das, worunter ich seit frühester Kindheit gelitten habe, einen Namen für mich.

Ich habe ein Weilchen überlegt, ob meine Ex-Essstörung weiterhin ein Thema in diesem Blog sein sollte. Schließlich möchte ich ja nur über das schreiben, wozu ich in der Öffentlichkeit auch offen stehe.
Beim Thema Binge Eating wird es da schon schwierig.
Die Tatsache, dass ich diese Essstörung als überwunden ansehe, macht es allerdings  einfacher. So habe ich etwas mehr Distanz zu diesem Thema, das mich auf so eine persönliche Art betriff, wie kaum etwas anderes in meinem Leben.

Ich habe nie über meine Probleme mit dem Essen gesprochen, zu keiner Zeit, mit niemandem. Ich kannte keinen Namen für meine Essanfälle und wäre nie auf die Idee gekommen, dass es einen Begriff dafür gibt, dass meinem Essverhalten eine Krankheit zugrunde liegen könnte, dass es noch andere Betroffene gibt.
Für mich war mein Essen eine ganz persönliche Schwäche, ein Beweis für meine Verdorbenheit, mein Schlecht-sein, für meine Lebensunfähigkeit, für meine Undiszipliniertheit.
Etwas, womit ich einfach aufhören musste, aber nicht konnte, obwohl ich wollte.

Mich hat meine Essstörung und die damit verbundene Essstörung so beschämt, wie nichts anderes. Sie hat mich so beschämt, dass ich jeder gedanklichen Auseinandersetzung damit entflohen bin. Auch als ich einen Namen dafür hatte.
Selbst heute fällt es mir schwer mich mit Literatur zu dem Thema zu beschäftigen und den Austausch zu suchen.

Heute kann ich sagen, dass ich keine Binge Eating Störung mehr habe. Ich würde mich als gesellschaftskonform essgestört bezeichnen. Das heisst, dass ich weder durch mein Körpergewicht, noch durch mein Essverhalten sonderlich auffällig bin, dass die Zahl auf der Waage eine Zahl ist, die zwar Bedeutung, aber nicht die Wirkung eines Richtspruchs über mich als Gesamtperson hat und dass, das was und wieviel ich esse zwar wichtig ist, aber nicht mehr mein ganzes Denken überschattet. Und dass ich zwar nie so ganz zufrieden mit meinem Körpergewicht bin, aber nicht mein Glück von 1,2,3 Kilo mehr oder weniger abhängig mache.
Alles in allem, bin ich also genauso essgestört, wie ein überwiegender Teil der weiblichen (und mehr und mehr männlichen) Bevölkerung. Vielleicht bin ich sogar ein ganz klein wenig weniger essgestört, als so viele Frauen in meinem Alter.
Der Weg hierhin war nicht einfach und vorallem war er so ganz anders, als ich jemals vermutet hatte.

Ich finde es seltsam, dass kaum jemand den Begriff Binge Eating kennt. Ich finde es auch seltsam, dass es (soweit ich weiss) keinen eigenständigen Diagnoseschlüssel für diese Erkrankung gibt (sie läuft immer noch unter „atypische Bulimia nervose“). Ich finde es befremdlich, dass kaum ein Therapeut eine Idee von der Störung hat, dass es keine(?) guten Behandlungskonzepte gibt, kaum Berichterstattung, wenig Literatur. Ich finde es seltsam, dass nie jemand über die Erkrankung spricht, dass es kaum soziale Plattformen gibt, wenig Austausch unter den Betroffenen, wenige, die dazu stehen.
Das alles finde ich seltsam aber auch irgendwie nicht.

Ich finde es seltsam, dass diese Erkrankung so wenig Aufmerksamkeit bekommt, weil ich denke, dass es verdammt viele Betroffene geben muss. In einer Welt, in der fast jede Frau meint, schlanker sein zu müssen, in der der Wert und die Attraktivität einer Frau fast ausschliesslich an ihrer Figur, respektive ihrem Gewicht festgemacht wird – In einer Welt in der Essen so eine überhöhte Bedeutung zugewiesen wird und „zuviel“ essen als Inbegriff des Schlechten gewertet und jedwede Nahrungsaufnahme mit einem schlechten Gewissen gestraft wird und in der fast alle Frauen  Frustessen, Heißhungerattacken, (engl: Binge Eating) etc. kennen und somit Binge Eating zu einer Essstörung wird, die einen fliessenden Übergang zur „Normalität“ hat – da fällt es mir schwer zu verstehen, warum diese Essstörung so von niemandem gekannt sein will, so von niemandem ernst genommen, so totgeschwiegen wird.

Andererseits kann ich es doch verstehen.
Die Welt schämt sich, genauso wie ich auch.

Kranke(n)schwester?

„Glauben Sie, dass das der richtige Beruf für Sie ist?“ ist eine häufige Reaktion, wenn ich mich vor Ärzten (bzw. anderen Berufsgruppen), die meine psychiatrische Vorgeschichte kennen, als Krankenschwester oute.

„Menschen wie Sie haben in diesem Job nichts verloren!“ ist sinngemäß  (natürlich i.d.R etwas einfühlsamer verpackt) eine häufige Aussage, wenn ich erzähle, dass ich auf einer Intensivstation arbeite.

Ich kann diese Bedenken nachvollziehen, bin aber trotzdem verärgert, wenn ich unter Generalverdacht gestellt werde, bzw. Menschen, die nichts weiter von mir kennen als meine Diagnosen, mir kategorisch mit der Meinung begegnen, dass ich auf gar keinen Fall für diese Tätigkeit geeignet sind.

Ja, mein Job ist unglaublich stressig und Stress ist für mich (aber auch für alle „gesunden“ Menschen) sehr ungesund.
Als belastend empfinde ich weniger die schlimmen Schicksale meiner Patienten, als vielmehr die vielen Anforderungen, die gestellt werden.
Da gibt es den Arzt, der unzufrieden ist, weil die Anordnungen zu spät umgesetzt werden und der vergisst mir wichtiges zu sagen, die Angehörigen, die sich in ihrer Not nicht ausreichend betreut fühlen, die Physiotherapie, die zur falschen Zeit den Patienten mobilisieren, das BGA-Gerät, die Instrumentenspüle, der PC, der Monitor, die Beatmungsmaschine, die Absaugung, der Infusomat, die den Dienst verweigern, die Hygiene, die bessere Händedesinfektion verlangt, die Dialysemaschine die dauernd piepst und im Weg rumsteht, die Arterie die nicht messen will, der Zugang der nicht richtig liegt, das Röntgen, das kommt, wenn man gerade den Patienten gelagert hat, das Material das fehlt, das ständige Piepsen von Maschinen die völlig irrelevant sind, der Notfall, der ausgerechnet dann kommt, wenn man gerade tausend andere Dinge machen möchte und die Kollegen, die unzufrieden sind, weil man was vergessen hat, weil man andere Schwerpunkte in der Arbeit setzt, weil sie einem nacharbeiten müssen, weil sich jemand krank gemeldet hat, weil man zu lange oder zur falschen Zeit in der Pause war. Und dann gibt es die Momente, in denen man nur noch hilflos ist, weil man einem Menschen nicht mehr helfen kann, wenn alle Bemühungen ins Leere laufen und man nichts tun kann, um den Patienten und Angehörigen die Qual zu nehmen.

Aber es gibt da auch die andere Seite, die Momente, wenn ein ehemaliger Patient zu Besuch kommt und sich bedankt. Wenn ein Mensch zufrieden ist, weil er sich bei einem sicher fühlt, wenn ein Angehöriger sich freut, dass man heute die zuständige Schwester ist, wenn man etwas tun kann, dass dem Menschen Hoffnung oder Trost gibt, wenn die Zusammenarbeit mit den Ärzten gut funktioniert, man zusammen ein Problem gelöst oder einen Notfall richtig versorgt hat und gemeinsam triumphieren kann. Wenn ein Medikament wirkt, ein Eingriff erfolgreich, oder ein Fortschritt erzielt ist.
Ich geniesse es, dass ich mich in meinem Team wohl fühle, weil ich respektiert und gemocht werde. Ich liebe die Pausengespräche, die Ausgelassenheit, mit der wir auch stressige Tage überstehen, das Temperament und die Lebhaftigkeit, die die Dienste verkürzen und die Sicherheit, dass ich im Notfall nur laut genug schreien muss und innerhalb weniger Sekunden sämtliche verfügbaren Ärzte und Schwestern in meinem Zimmer habe und wichtige Entscheidungen nie alleine treffen muss und das Wissen, dass ich die Kompetenz und Erfahrung habe, um auch in kritischen Situationen handlungsfähig sein zu können.

Was kann es gesünderes im Job geben, als seine Arbeit zu lieben, sich wichtig und fähig zu fühlen, Anerkennung für sein Handeln zu erhalten, ein Gehalt zu bekommen von dem man leben kann und mit Menschen zusammenarbeitet, die man mag?

Dieser Beruf mag nicht der optimale für eine Borderlinerin sein ABER
Für mich ist es der richtige Beruf!

Und ob ich die Richtige für diesen Job bin, müssen schlußendlich mein Arbeitgeber und meine Vorgesetzten beurteilen. Und die haben sich noch nicht beschwert.

Ich denke, ob ich mit einer bestimmten Diagnose einen bestimmten Beruf ausüben kann, sollte immer absolut individuell betrachtet werden. Die teilweise dogmatisch vorherrschende Meinung, dass psychisch Erkrankte grundsätzlich in manchen Bereichen nicht arbeiten sollten, halte ich für fatal.
Sie verstärkt bestehende Stigmata gegenüber psychiatrischen Erkrankungen und behindert und irritiert Betroffene auf dem Weg in ein Leben als normales Mitglied unserer Gesellschaft.

krank

Seit gestern liege ich mit einer Erkältung flach.

Eigentlich dachte ich immer, dass ich immun gegen diese blöde Viren bin. Mein Beileid für alle, die da öfter durch müssen.

*hust*

^^